1. Ukraine. Eine erinnerungskulturelle Zerreißprobe

21.12.2017
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Crisis 2017, DE, Europe 2017, EX-USSR, History 2017, Nation 2017, Skepticism 2017, Ukraine 2017
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1. Ukraine. Eine erinnerungskulturelle Zerreißprobe

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Zusammenfassung Die Ukraine möchte sich in Zeiten des ukrainisch-russischen Konflikts nicht nur hinsichtlich der Zukunft von der vermeintlichen russischen Dominanz loslösen, sondern auch aus der gemeinsamen russisch-sowjetischen Geschichtsdimension aussteigen. 

 Das Ukrainische Institut für Nationale Erinnerung (UINE) unter dem umstrittenen Direktor Wladimir Wjatrowitsch bestimmt maßgeblich die Richtung der nationalstaatlichen Geschichts- und Erinnerungspolitik. Es konstruiert ein anti-sowjetisches und nationalukrainisches Narrativ, mit dem sich nicht alle ukrainischen Staatsbürger gleichermaßen identifizieren. Dies provoziert eine Vertiefung des bereits bestehenden erinnnerungskulturellen Konflikts in der Ukraine.

Im folgenden Beitrag werden die Rolle des UINE und das nationalhistorische Narrativ analysiert. Einleitung »Das ist der endgültige Abschied vom russischen Imperium und die Worte ›back in the USSR‹ kann man nur noch von den Beatles hören«, so der ukrainische Prä- sident Petro Poroschenko im Rahmen seiner Ansprache zur EU-Visaliberalisierung am 10. Juni 2017. Und weiter:

»Wir werden niemals wieder zur Sowjetunion zurückkehren, weil wir – eine stolze und freie demokratische Nation – zur Familie der europäischen Nationen zurückkehren.«

Nach dem Euromajdan und den darauffolgenden Ereignissen wie der Krim-Annexion und dem anhaltenden ukrainisch-russischen Konflikt versucht Präsident Poroschenko, die Ukraine aus der engen Bindung zu Russland und dem von Russland dominierten post-sowjetischen Raum zu lösen. Neben der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Loslösung aus der russischen Dominanz ist der ukrainische Staat bestrebt, die ukrainische Geschichts- und Erinnerungspolitik umzugestalten.

Die aktuelle Regierung formuliert eine westliche Zukunft, die aber auch die Frage hervorruft, welche europäische Vergangenheit die Ukraine besitzt und wie man sich daran erinnert. Hieran knüpft das einführende Zitat an, in dem Poroschenko die Rückkehr der Ukraine nach Europa und vor allem ihre Abkehr von der sowjetischen Vergangenheit betont.

Die Frage nach dem europäischen erinnerungskulturellen Kanon ist für die Ukraine somit entscheidend. Die regierende Elite möchte diese Frage mit einer anti-sowjetischen Geschichtspolitik beantworten. Dies strebt sie mit einer kompromisslosen Dekommunisierung an. Entsprechende Gesetze verabschiedete das ukrainische Parlament (Werchowna Rada) bereits 2015 (s. Ukraine-Analysen 149), zum Großteil wurden sie mittlerweile umgesetzt.

Nahezu alle ehemaligen sowjetischen Straßen- oder Ortsnamen erhielten neue neutrale oder ukrainischen Namen, neue nationale Feier- oder Gedenktage wurden eingeführt, sowjetische Statuen oder Denkmäler wurden demontiert und die Nutzung von sowjetischen Symbolen wurde verboten.

Die visuellen Veränderungen im öffentlichen Raum und die neue Gesetzesordnung legen somit den Grundstein für weitere tiefere Veränderungen im nationalukrainischen Geschichtsverständnis. Denn der Staat ist in der Ausformulierung von nationalen Selbstverständnissen der zentrale und maßgebende Akteur. Ein probates Instrument zur Stärkung von Identitäten und zur Vermittlung von Geschichtsbildern bilden nationalhistorische Narrative.

Hierbei greift der Nationalstaat auf vorhandene Erinnerungen der Bevölkerung zurück, die in der Gesellschaft kollektiv und aktiv erinnert werden. Jedes vom Staat konstruierte Narrativ muss daher auf eine gesellschaftlich konsolidierte Grundlage aufbauen, die die Bürger – bewusst oder unbewusst – konsumieren. Narrative sind also Meistererzählungen, mit denen sich vor allem Nationalstaaten Legitimität erhoffen und die von den Bürgern oftmals als Identitätsressource aufgegriffen werden.

Das Ukrainische Institut für Nationale Erinnerung unter Wladimir Wjatrowitsch Die Orangene Revolution 2003/2004 veränderte die ukrainische Geschichtspolitik grundlegend in dem Sinne, dass zum ersten Mal der erinnerungskulturelle Konflikt politisch relevant wurde. Denn im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern entschied sich Präsident Wiktor Juschtschenko zu einer klaren nationalukrainischen Geschichtspolitik mit dem Ziel, den Holodomor, eine durch Stalins Planwirtschaft hervorgerufene sowjetweite Hungersnot in den 1930er Jahren mit Millionen Toten, aufzuarbeiten. Um seine nationalukrainische Geschichtspolitik umzusetzen, gründete er im Dezember 2007 das Ukrainische Institut für Nationale Erinnerung (UINE)

Der 2010 gewählte Präsident Wiktor Janukowitsch vollzog eine radikale Kehrtwende innerhalb der ukrainischen Geschichtspolitik. Statt die ukrainisch-nationale Geschichtspolitik von Juschtschenko fortzuführen, strebte er einen pro-sowjetischen Kurs an. In der Folge forschte das UINE nicht weiter nach sowjetischen Verbrechen, sondern verstummte öffentlich nahezu völlig.

Erst nach der Präsidentschaftswahl im Jahr 2014 nahm das UINE seine eigentliche Arbeit wieder auf, wurde personell erweitert und zum Großteil neu besetzt. Seit dem 25. März 2014 leitet das UINE der promovierte Historiker Wladimir Wjatrowitsch, der die bisherige Geschichtsschreibung durch eine anti-sowjetische Geschichtspolitik beseitigen mö

Wjatrowitsch steht mit seiner Geschichtspolitik nicht erstmalig unter starker Kritik und bringt sich seit mehreren Jahren in diesem Kontext in die Diskussion ein. Schon während seines Studiums und seiner Promotion an der Universität Lwiw befasste sich der gebürtige Galizier mit der ukrainischen nationalen Bewegung und veröffentlichte zahlreiche Schriften zu diesem Thema.

Als Direktor der Archive des ukrainischen Sicherheitsdienstes von 2008 bis 2010, in der Regierungszeit von Juschtschenko, öffnete er die bis dahin verschlossenen Archive – zum einem um erstranging den Holodomor aufzuarbeiten, zum anderen um Kontrolle über diesen betreffende Dokumente zu den beiden als nationalistisch bis faschistisch geltenden Gruppierungen Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und Ukrainische Aufständische Armee (UPA) zu bewahren.

Zahlreiche Ukraine-Experten kritisieren Wjatrowitsch dafür, dass er die Verbrechen von UPA und OUN durch unwissenschaftliche Darstellungen relativiere und eine Art Whitewashing der ukrainischen Geschichte betreibe, oder bezeichnen ihn abwertend als geschichtsverfälschenden Erinnerungskommissar. Wjatrowitsch hingegen verteidigt seine umstrittene Geschichtspolitik mit den Worten, die ukrainische Geschichte sei bei ihm in guten Händen. Trotz aller Kritik ernannte Ministerprä- sident Arsenij Jazeniuk Wjatrowitsch 2015 zum neuen UINE-Direktor.

           *     Die Veröffentlichung ist kein Leitartikel. Es spiegelt ausschließlich den Standpunkt und die Argumentation des Autors wider. Die Publikation wird in der Präsentation vorgestellt. Beginnen Sie in der vorherigen Ausgabe. Das Original ist verfügbar unter:     http://laender-analysen.de

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4 comments

  1. Besserwisser
    Ответить

    Als Grundlage für Beiträge zur älteren Geschichte der Ukraine, besonders die Zeit der Kosaken, dient mir ein altes Buch, Band 48 der »Allgemeinen Welthistorie« von 1796. Das Buch mit über 700 Seiten in alter deutscher Schrift kann jeder bei Google-Books downloaden. Das vorliegende Buch musste garantiert keine sowjetisch/russische Geschichtsklitterung erdulden und auch keine Rücksicht auf Befindlichkeiten in Moskau nehmen. Es gibt mir einen guten Leitfaden, und ich werde diese mit anderen Quellen vergleichen. Ich denke, das ist ein guter Kompromiss.

  2. Beobachter
    Ответить

    Alles wieder selbsternannte Experten, die hier ihre Weltsicht zum Besten geben — fehlt eigentlich nur noch Professor Haag..

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