2. Ukraine. Eine erinnerungskulturelle Zerreißprobe

in Crisis 2017 · DE · Europe 2017 · EX-USSR · History 2017 · Nation 2017 · Skepticism 2017 · Ukraine 2017 4 views
          
86% посетителей прочитало эту публикацию

 Europe     Ukraine   Ex-USSR      Polska

GEOMETR.IT    laender-analysen.de

 

Zusammenfassung Die Ukraine möchte sich in Zeiten des ukrainisch-russischen Konflikts nicht nur hinsichtlich der Zukunft von der vermeintlichen russischen Dominanz loslösen, sondern auch aus der gemeinsamen russisch-sowjetischen Geschichtsdimension aussteigen. 

 Das Ukrainische Institut für Nationale Erinnerung (UINE) unter dem umstrittenen Direktor Wladimir Wjatrowitsch bestimmt maßgeblich die Richtung der nationalstaatlichen Geschichts- und Erinnerungspolitik. Es konstruiert ein anti-sowjetisches und nationalukrainisches Narrativ, mit dem sich nicht alle ukrainischen Staatsbürger gleichermaßen identifizieren. Dies provoziert eine Vertiefung des bereits bestehenden erinnnerungskulturellen Konflikts in der Ukraine. 

Die erinnerungskulturelle Neuausrichtung wird gesetzlich flankiert Die ukrainische Regierung hat mit den Dekommunisierungsgesetzen erstmalig einen grundsätzlich anti-sowjetischen und klar nationalukrainischen Kurs gewählt. Vor allem die Rehabilitierung von OUN- und UPAMitgliedern wie beispielsweise Stepan Bandera zu nationalen Freiheitskämpfern durch das Dekommunisierungsgesetz 2538-1 »Über den Rechtsstatus und die Verehrung der Kämpfer für die ukrainische Unabhängigkeit im 20.

Jahrhundert« löste eine internationale Debatte aus. Dieses Gesetz definiert die Rolle der nationalistischen Bewegung als Freiheitskämpfer für eine souveräne Ukraine. Jedoch ist die Diskussion um die Rolle der beiden Organisationen OUN und UPA nicht erst im Zuge der Dekommunisierung aufgekommen. Die Konfliktlinien darüber, wie OUN und UPA geschichtlich in den erinnerungskulturellen Kanon der Ukraine eingeordnet werden sollen, bestehen seit Beendigung des Zweiten Weltkrieges.

Vor allem die sowjetische Propaganda und die ukrainische Diaspora prägten die ukrainische Geschichte und Narrativbildung. In der sowjetischen Historiografie waren nationale Bestrebungen, die die Sowjetunion als Besatzungsmacht verstehen, grundsätzlich negativ besetzt. Andererseits interpretiert die ukrainische Diasporagemeinde die Sowjetunion aus einer Opferperspektive: Man war kein Teil der Sowjetunion, sondern die Sowjets waren die Unterdrücker und Besatzer. Beide Erinnerungsträger stehen sich erinnerungskulturell diametral und unversöhnlich gegenüber.

Konflikt wurde bis 1991 innerhalb der Ukraine eingefroren, ist jedoch seit der Unabhängigkeit ein polarisierendes Thema, insbesondere seit der Parlaments- und Präsidentschaftswahl 2003/4. Der Historikerstreit um die Erinnerung an OUN und UPA Ein öffentlicher Brief im ukrainischen Online-Magazin Krytyka entfachte 2015 vor der Verabschiedung der umstrittenen Dekommunisierungsgesetze einen Historikerstreit über die erinnerungskulturelle Neuausrichtung.

Das öffentliche Schreiben, das von zahlreichen internationalen und renommierten Ukraine-Experten unterschrieben wurde, fordert den Präsidenten Poroschenko auf, die Gesetze in dieser Form nicht zu unterschreiben. Vor allem kritisieren die Experten die Rehabilitierung der Gruppierungen OUN und UPA, denn diese haben laut offiziellem Forschungsstand Zehntausende von Polen im Wolhynien-Massaker abgeschlachtet, zum Teil mit den Nazis kollaboriert und antisemitische Pogrome begangen. Im Schreiben wird UINE-Direktor Wjatrowitsch vorgeworfen, die Ukraine weiter zu spalten.

Man sieht in der neuen Geschichtspolitik eine administrative Verzerrung der Geschichte und eine Verletzung des Strebens nach Wahrheit, da eine kritische Debatte zu OUN oder UPA in der Ukraine ab nun per Gesetz unmöglich sei. Statt Poroschenko antwortet der UINE-Direktor Wjatrowitsch auf die öffentliche Kritik und verteidigt die von ihm mitentworfenen Dekommunisierungsgesetze. Er führt an, dass auch andere post-sowjetische beziehungsweise post-kommunistische Staaten ähnliche Gesetze verabschiedet hätten und dass man die besonderen Umstände, womit Wjatrowitsch womöglich den Konflikt im Donbass und die Krim-Annexion meint, berücksichtigen müsse. Er argumentiert nicht gegen die Vorwürfe, dass die OUN- und UPAMitglieder an Verbrechen beteiligt gewesen seien.

Stattdessen unterstreicht er, dass die sowjetische Propaganda die antisemitischen und fremdenfeindlichen Verbrechen von UPA und OUN über Jahrzehnte erschaffen habe. Er wirft den Unterzeichnern des offenen Briefes stattdessen vor, sowjetische Stereotype zu nutzen – es ist eine bewährte defensive Argumentationsstrategie von ukrainischen Nationalisten, die UPA- und OUNKämpfer als Helden zu legitimieren, wenn sie auf die sowjetische Propaganda verweisen.

Die Gesetze würden gerade zu einer Depolitisierung der Geschichte von OUN und UPA beitragen, da nun keine anti-ukrainische Propaganda mehr möglich sei, so Wjatrowitsch. Für den UINE-Direktor sind der Partisanenkult und die Widerstandsmentalität der ukrainischen Bevölkerung fester Bestandteil des kulturellen Kanons, wie aus zahlreichen Traditionen und Musikstücken hergelfes im kollektiven ukrainischen Gedächtnis verankert werden. Die neue nationalhistorische Meistererzählung der Ukraine konzentriert sich auf die Helden des Krieges und des nationalen Freiheitskampfes. Deswegen unterstützt Wjatrowitsch aktiv die Eröffnung eines Majdan-Museums.

Das neue nationalukrainische Narrativ

Die Grundlage des Narrativs ist somit das Streben nach Unabhängigkeit. Gemäß Wjatrowitsch findet dieser Kampf um die nationale Freiheit seinen Höhepunkt in der jüngsten Geschichte der Ukraine im Euromajdan und in der aktuellen militärischen Auseinandersetzung, wie aus zahlreichen Pressemitteilungen seines Instituts ersichtlich wird.

Er bekräftigt ebenso öffentlich häufig, dass die Dekommunisierungsgesetze die Grundlage für das ukrainische nationale Narrativ des ›Kampfes für die Unabhängigkeit‹ bildeten. Somit instrumentalisiert Wjatrowitsch den derzeitigen ukrainisch-russischen Konflikt, um ein neues nationalheroisches Meisternarrativ zu erschaffen, das an die ukrainische Vergangenheit anknüpfen soll. Jedoch vermeidet er die Benennung von konkreten Erinnerungsorten aus der Zwischenkriegszeit oder des Zweiten Weltkrieges.

Wie Georgiy Kasianov 2016 in seinem Artikel »Wie ein Krieg aus der Vergangenheit ein Krieg der Gegenwart wurde« ausführt, zieht ebenso Wjatrowitsch Parallelen zwischen dem Freiheitskampf im Zweiten Weltkrieg und dem derzeitigen Konflikt. Daran schließt auch Poroschenkos Rede zur europäischen Visaliberalisierung an, in der er davon spricht, sich aus dem russischen Imperium und der sowjetischen Vergangenheit zu befreien.

Die Viktimisierung des ukrainischen Volkes ist demnach einem aufopferungsvollen Heroismus gewichen. Das neue nationalukrainische Narrativ reiht sich damit in den erinnerungskulturellen Kanon der ostmitteleuropäischen Staaten ein. Die Ukraine orientiert sich hierbei an polnischen, ungarischen und baltischen Vorbildern, die ebenfalls eine heroische Geschichtsdarstellung vornehmen und Verbrechen ihrer Helden ausblenden. Auch in diesen Gesellschaften gibt es konfliktreiche Diskussionen zur aktuellen geschichts- und erinnerungspolitischen Ausrichtung

    *          Die Veröffentlichung ist kein Leitartikel. Es spiegelt ausschließlich den Standpunkt und die Argumentation des Autors wider. Die Publikation wird in der Präsentation vorgestellt. Beginnen Sie in der vorherigen Ausgabe. Das Original ist verfügbar unter:     laender-analysen.de 

* * *

GEOMETR.IT

ВЕНГРИЯ и СОРОС-ЗЛОДЕЙ 21.12.2017

ПОЛЬША и АННА КАРЕНИНА 21.12.2017

ВЫШЕГРАД. Покажет ли он твердый средний палец унылой ЕВРОПЕ?  21.12.2017

В 2018 году НАЧИНАЕТСЯ ПРОШЛОЕ или Будущее? 21.12.2017

ИНТИМНЫЙ УЖИН и ТРУБОПРОВОД 21.12.2017

Ukraine strikes back 21.12.2017

Polityka europejska a Powstanie Warszawskie  21.12.2017

Poland is an Example Again 21.12.2017

Ukraine. Eine erinnerungskulturelle Zerreißprobe 21.12.2017

Polen will nicht für Multi-Kulti sterben  21.12.2017

GEOMETR.IT

5 Comments

  1. Nationen sind ein Konstrukt, Imperien ebenso

    Der Artikel betont wichtige Sachverhalte und enthält leider gleichzeitig viele völlig unakzeptable Wertungen. Einige Einschätzungen sind so ahistorisch, dass er für die politische Bewertung der aktuellen Situation kontraproduktiv ist. Der Autor vertritt imperiale, teilweise revanchistische Ansichten.
    1. Nationen sind historische Konstrukte, wird zu Recht herausgestellt.
    Ziemlich sicher hat sich kein Gote oder Suebe als Germane oder gar Proto-Deutscher gesehen. Andererseits gibt es die persönliche Identifikation über Sprache, Sozialisation und regionale Herkunft. Früher war es der Stamm, heute ist es u.a. die Nation. Anderen ihre zutiefst persönliche Identifikation abzusprechen ist hochmütig und stark verletzend (egal ab „Randvolk“ oder „Bergtürke“). Zumal der Autor es den Russen zubilligt.
    2. Imperien sind ebenfalls historische Konstrukte (vom Autor unberücksichtigt).
    Kein Einflussbereich, keine Einflusszone und kein Kolonialreich sind gottgegeben und ewig.
    3. Der „Status quo“ sollte Grundkonsens für einen friedlichen Umgang sein.
    Die Lage ist, wie sie ist. Gleiche Rechte und Souveränität sind Voraussetzungen für einen respektvollen Umgang miteinander. Es gibt keinen historisch legitimierten Anspruch auf Veränderung in der Gegenwart. Aber nichts muss so bleiben, wenn man sich mit möglichst größter Zustimmung aller Beteiligten einigt.
    Massive Militärpräsenz — wegen der offenen Völkerrechtswidrigkeit — feige versteckt, ist erbärmliches Machtgehabe.

  2. Die Ukrainer haben zweifellos von der Aufteilung des sowjetischen Territoriums in Teilrepubliken profitiert — nach dem 2. WK waren erstmals alle ukrainischen Gebiete in der Ukrainischen SSR vereint!

  3. Dort wurden Grenzen willkürlich gezogen, um Nationalitäten auseinanderzureissen. Siehe etwa jene zuungunsten der Armenier (die Grundlage für einen blutigen post-sowjetischen Konflikt war) oder zuungunsten der Tadschiken (denen nur das Bergland um das Dorf Duschanbe blieb, der Rest mit den historischen Zentren Buchara & Samarkand) wurde Usbekistan zugeschlagen.

  4. Politische Ereignisse versetzen meine Generation nur selten in Angstzustände. Mit der Krim-Krise jedoch ist das anders. Plötzlich wird die Timeline auf Facebook von der Frage beherrscht: Kommt es 100 Jahre nach 1914 wieder zu einem Krieg in Europa? «Militärische Invasion», «Die USA reagieren auf Moskauer Vorgehen», «Putin warnt den Westen», «EU und USA unterstützen Ukraine mit Hilfspaketen» – diese Rhetorik und die OSZE kannte der nach 1989 geborene Nutzer der sozialen Netzwerke bisher nur aus dem Geschichtsunterricht, Kapitel Kalter Krieg. Wie geht es einer Generation, deren Existenz noch nie bedroht gewesen ist, wenn sie Marina Weisband bei Günther Jauch über einen möglichen Krieg vor der Haustür debattieren sieht?

Добавить комментарий

Your email address will not be published.

Latest from

Go to Top