„Junge deutsche Zweiheit“ 

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* Deutschlandfunk verbreitetet am Tag der deutschen Einheit eine emotionalisierte Version der Wiedervereinigung und trennten beim Thema Rechtsruck Ursache und Wirkung – eine kühle politisch-ökonomische Bilanz ist nicht erwünscht

Betrachtet man zwei der zentralen Sendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zur deutschen Einheit am Mittwoch, so wird eine Linie offensichtlich: das Bemühen, die „Wende“ von 1989 und ihre fatalen Folgen für viele Ostdeutsche zu entpolitisieren und zu einer individuell-emotionalen Erfahrung umzudeuten.

Der aktiv herbeigeführte Zusammenbruch einer Volkswirtschaft und die folgende, mit moralisch-politischer Überheblichkeit flankierte Massenarbeitslosigkeit sollen einem „Gefühl“ weichen, das die „scheinbar Abgehängten“ (ohne ersichtlichen Grund) befällt. Der Rechtsruck soll von seinen offensichtlichen Ursprüngen getrennt werden. Die medialen und politischen Verantwortlichen für diese Ursprünge wollen diese Verantwortlichkeiten vernebeln.

  • Ein Kronzeuge für die Entkoppelung von radikaler DDR-Abwicklung und pauschaler Erniedrigung einerseits und dem aktuellen Aufruhr unter vielen Ostdeutschen andererseits ist die junge „Zeit“-Journalistin Valerie Schönian, die momentan offensiv ihr Lebensgefühl als „Ostdeutsche“ beschreibt.
  • Diese Haltung macht im ersten Moment einen „wende-kritischen“ Eindruck. Aber Schönian spricht sich bei jeder Gelegenheit dafür aus, ihr aktuelles Unbehagen vom politisch-ökonomischen Umgang des Westens mit der untergehenden DDR zu trennen: „Das hat nichts mit der DDR zu tun und auch in der Nachwendezeit ging es mir nicht schlecht. Aber in dieser Zeit hat sich eben ein ostdeutsches Bewusstsein gebildet.“ Interessieren Schönian diese Ursprünge nicht? Man hat den Eindruck, sie möchte am liebsten nur das Heute betrachten, und wünscht sich vor allem anderen, dass die überheblichen Kommentare aus dem Westen endlich verstummen.

„Wende“ und Rechtsruck: Ursache und Wirkung sollen getrennt werden

In diesem Willen, die aktuellen gesellschaftlichen Spaltungen von ihren in den Wendejahren liegenden Ursachen zu separieren, trifft sich Schönian mit der großen Politik und den großen Medien.

Sie wird zur perfekten Kronzeugin für jene Verantwortlichen im Westen, die mit der wirtschaftlich-moralischen Schocktherapie der 90er Jahre große Verwerfungen in der Massenpsychologie angerichtet haben, und die sich nun still aus der Affäre ziehen wollen – in dem Moment, in dem sich jene Verwerfungen ein bedenkliches rechtes Ventil suchen.

Kein Wunder also, dass Schönian und ihre sanft-geschichtsvergessene West-Kritik zentrale Rollen in wichtigen Sendungen am Tag der deutschen Einheit spielten: In dem Beitrag „Junge deutsche Zweiheit“ im Deutschlandfunk und bei der ZDF-Talkshow von Dunja Hayali.

Das Auftreten Schönians, das angeblich ostdeutsches Selbstbewusstsein transportiert, nutzte der Ex-Innenminister Thomas de Maizière (CDU) in Hayalis Talkshow sogleich als Steilvorlage zur Vereinnahmung der Autorin und für einen als neue Nebelkerze verpackten Vorwurf: Die Ostdeutschen sollten jetzt endlich mal Selbstbewusstsein zeigen und die Ellenbogen ausfahren. Demnach ist nicht zu allererst de Maizières Partei für die gesellschaftliche Benachteiligung der Ostdeutschen verantwortlich – sie sind es selber, weil sie sich nicht artikulieren. Die nun stattfindende Artikulation etwa in Chemnitz hat der Politiker dann lieber nicht analysiert.

Die Person, die in Hayalis Talkshow viele Halbwahrheiten über die DDR und die „Wende“ ins rechte Licht hätte rücken können (und müssen), fand sich dazu leider nicht in der Lage. Der Regisseur Leander Haußmann („Sonnenallee“) fand zwar in Ansätzen die richtigen Worte, verlor sich aber ein ums andere Mal in eitler und konfuser Selbstbespiegelung.

Ein Verhalten, das man angesichts seiner potenziell wichtigen Rolle in der Talkshow auch als verantwortungslos bezeichnen könnte. Immerhin, er sagte die zentralen Sätze des Abends – die einzigen, die dem selbstgesteckten Thema der Hayali-Talkshow gerecht wurden: „Der Rechtsruck kam für mich nicht überraschend“, sagte Haußmann. „Es gibt ein großes Potential von Leuten, die erniedrigt wurden und beleidigt sind.“ Und er fügt einen wichtigen Satz über Teile der ostdeutschen Demonstranten an: „Ich mochte diese Leute in der DDR nicht und ich mag sie heute nicht. Aber man kann doch nicht einfach den Deckel draufmachen!“

Selbstverständlichkeiten werden als neue Erkenntnis verkauft

So selbstverständlich diese Feststellungen Haußmanns eigentlich sein sollten – sie sind es nicht. Man hat aktuell ohnehin den Eindruck, die einfachsten Weisheiten der Gesellschaftslehre würden nun ganz neu entdeckt.

Etwa die, nach der sich pauschal herabgesetzte Gruppen tatsächlich herabgesetzt fühlen – teilweise unabhängig vom sozialen Status und mit fatalen gesellschaftlichen Folgen. Oder das Privileg der „Unsichtbarkeit“, das die Westdeutschen gegenüber den permanent öffentlich psychologisierten Ostdeutschen genießen, wie Daniel Kubiak, Soziologe an der Humboldt Universität Berlin, im Deutschlandfunk erklärt:

„Es gibt eine Norm, etwas, was als normal angesehen wird. Und alles, was normal ist, wird halt nicht gesehen, es ist nicht sichtbar. Und zumindest in dem Kontext Ost und West, ist das westdeutsch. Westdeutsch ist deutsch. Deutsche Geschichte in der Schule ist westdeutsche Geschichte. Und DDR-Geschichte ist DDR-Geschichte. Aber DDR-Geschichte ist nicht deutsche Geschichte.“

Leander Haußmann platzte in Dunja Hayalis Talkshow am Ende dann aber doch der Kragen, angesichts der Bestrebungen, Ursache und Wirkung zu trennen. In einer Mischung aus Ungläubigkeit und Verzweiflung fragte er: „Habe ich das richtig verstanden: Wir reden über die Ostdeutschen, ohne die DDR zu thematisieren? Wir trennen die Gegenwart von der Geschichte?“

   Die Veröffentlichung ist kein Leitartikel. Es spiegelt ausschließlich den Standpunkt und die Argumentation des Autors wider. Die Publikation wird in der Präsentation vorgestellt. Beginnen Sie in der vorherigen Ausgabe. Das Original ist verfügbar unter: nachdenkseiten.de

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6 Comments

  1. Es gibt eine Norm, etwas, was als normal angesehen wird. Und alles, was normal ist, wird halt nicht gesehen, es ist nicht sichtbar. Und zumindest in dem Kontext Ost und West, ist das westdeutsch. Westdeutsch ist deutsch. Deutsche Geschichte in der Schule ist westdeutsche Geschichte. Und DDR-Geschichte ist DDR-Geschichte. Aber DDR-Geschichte ist nicht deutsche Geschichte.“

  2. Die Rede ist nicht von den Deutschtürken, die einst als Arbeitskräfte ins Land kamen. Auch nicht von den russlanddeutschen Einwanderern der neunziger Jahre oder von den syrischen Flüchtlingen des Jahres 2015. Es geht um die damals rund 17 Millionen Ostdeutschen, die am 3. Oktober 1990 der Bundesrepublik beitraten, alle an einem Tag. Es war eine der größten und plötzlichsten Einwanderungswellen der Geschichte. Die meisten wechselten zwar nicht den Ort

  3. In der Debatte um die Integration der Ostdeutschen war der Tag der Bundestagswahl so etwas wie der Erdogan-Moment: Wie erstaunlich viele Deutschtürken beim türkischen Verfassungsreferendum vor einem halben Jahr für ein autoritäres Präsidialregime stimmten, so entschieden sich überraschend viele Ostdeutsche bei der Bundestagswahl gegen liberale Demokratie und offene Marktwirtschaft

  4. wenn «das Volk» vergessen hat, dass es zwei deutsche Staaten gab. Angenommen, das «politische Gedächtnis» beginnt mit 20, so sind die Menschen, mit denen man die Erinnerung an die DDR bereden kann, heute mindestens 47 Jahre alt, und stellen jetzt schon eine Minderheit dar. Was uns derzeit trennt, hat viel mit Erinnerung zu tun- der Osten weiss noch, dass man eine Regierung mit Worten stürzen kann, der Westen kennt an «ungehorsam» die 68er, die Friedensdemo in Bonn und die Demos um Mutlangen wg Pershing2- das ist nicht viel. Wie sehr Ost und West noch getrennt ist, erschliesst sich bei Benutzung folgender Wörter: Heimat, Muttersprache, Vaterland. Damit bekommt man im Osten ein Denkmal, im Westen den Vogel gezeigt. Dass wir nach wie vor ein Gefälle von Nord nach Süd haben, ist völlig in Vergessenheit geraten, aber es besteht immer noch, und damit können wir leben. Das wird auch mit dem Ost-West-Gefälle so stattfinden. Dauert aber noch 2-3 Generationen.

  5. Dieser Kommentar macht mich sprachlos. Daher nur so viel: Ein unverschämter, polemischer und diskriminierender Kommentar, von einem Autor, der sich mit dem Wahlergebnis nicht abfinden möchte. Wieder ein Versuch, von den wesentlichen Ursachen für das Wahldesaster abzulenken, indem er versucht, künstlich Mauern zu errichten.

  6. .zurecht legen kann, dass die eigene vorgefasste Meinung bestätigt wird. Wer z.B. behauptet, dass die meisten Migranten gut integriert seien, der sucht sich nur Beispiele heraus, die das bestätigen sollen, übersieht aber geflissentlich die große Zahl wo das nicht gelungen ist und das zeigt sich dann verstärkt in Folgegenerationen. Aber das alles mit der «Unzufriedenheit» einiger ehemaliger DDR-Bürger zu vermischen kann auch nicht hilfreich sein. Warum wird fortgesetzt versucht Verantwortung für Zufriedenheit und auch Integration der gesamten Gesellschaft anzulasten? Tatsächlich liegt es immer an der eigenen Person sich sowohl um Integration und auch um Wohlergehen zu bemühen. Aber wer fragt die Gesellschaft eigentlich was sie von Mitmenschen hält die genau dabei versagen. Der Staat kann und soll nicht mit einem «Füllhorn» an Wohltaten für die Zufriedenheit aller sorgen. Nur wer sich um Integration und materielles Auskommen selbst bemüht wird am Ende Zufriedenheit erfahren.

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