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WM nach Russland

WM2018: es geht um Freundschaft

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* Während der Fußball-WM in Russland herrscht freundlicher Ausnahmezustand! 

  1. Diese Woche wurde bekannt, dass Sportreporter Hajo Seppelt aus Sicherheitsgründen nicht zur WM nach Russland reisen wird. Der Dopingexperte hatte zum russischen Staatsdoping recherchiert und so dafür gesorgt, dass zahlreiche Sportler von den olympischen Spielen 2016 und 2018 ausgeschlossen wurde. Nach Einschätzungen der Bundessicherheitsbehörden sei ein Besuch von ihm bei der WM mit einem zu großen Risiko behaftet, so die ARD.
  2. Doch wie ist es um die Sicherheit der Fans in Russland bestellt? Russland ist bekannt für seine Hooligan-Szene, das Auswärtige Amt warnt aber auch homosexuelle Fans vor der geringen Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in der Gesellschaft. Zudem wird vor dem Besuch bestimmter Regionen, unter anderem Tschetschenien und Dagestan gewarnt.
  3. Laut einerUmfragedes Meinungsforschungsinstituts Ipsos in 27 Ländern denken 67 Prozent der Deutschen, dass es für Fans kein Sicherheitsproblem darstellt, zur WM nach Russland zu reisen. Insgesamt haben die Chinesen die wenigsten Bedenken, wie die Grafik von Statista zeigt. Die größten Sicherheitsbedenken haben mit Abstand die Briten: Nur 34 Prozent denken, dass es für britische Fans in Russland sicher ist.

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Wer nach Russland aufbricht, um bei der Fußball-WM mitzufiebern, wird so manches Klischee, sei es, dass Russen viel trinken, vor allem Wodka, es in Russland immer nur kalt ist oder dass Russen nie lachen, widerlegt sehen. Russlands Metropolen haben sich vom Sowjetmief befreit und strahlen in neuem Glanz. Es gibt hippe Cafès und schicke Restaurants soweit das Auge reicht, kostenloses WLAN in der Metro, die Innenstädte sind sauber und gepflegt und die Läden sind üppig gefüllt. Unvergleichlich mehr Lebensqualität als noch vor einigen Jahren. Besonders Moskau und St. Petersburg – das sind die Zentren dieser WM – haben in den letzten Jahren einen enormen Wandel erlebt und ein freundlicheres Gesicht erhalten, etwa durch Graffiti. Entlang den Flusss

chleifen der Moskwa in der Hauptstadt Moskau und der Neva in Putins Geburtsort St. Petersburg, gibt es neu-geschaffenen Parks, in denen Open-Air Konzerte stattfinden, Locals Fahrrad fahren und Familien mit Kindern durch den Park tummeln und Eis essen.

«Ich kann versichern, dass die Reise für alle wunderbar sein wird», sagte Präsident Putin bei seiner Rede vor dem FIFA-Kongress in Moskau. «Sie werden es überall erfahren, dass wir gastfreundliche Menschen sind. Die Fans werden sicher so begeistert sein, dass sie zurückkommen möchten.» Ganz unrecht dürfte Russlands Präsident mit dieser Aussage nicht gehabt haben.

In Moskau herrscht in der ersten WM-Woche beste Stimmung. Das ist nicht zuletzt ein Verdienst der weitgereisten Anhänger aus Mittel- und Südamerika. An den Abenden vor und nach dem Deutschland-Mexiko-Spiel lasse ich mich durch die Metropole treiben und schaue mir verwirrt das Spektakel an: Mexikaner mit Sombreros singen und lachen zusammen mit Russen, Argentinier grölen in der Metro und Kolumbianer tanzen auf der Straße.

Doch nicht nur in Moskau war die Stimmung großartig. Auch in der kleinen Stadt Saransk, tausende Kilometer von Moskau entfernt und mit knapp 300.000 Einwohnern der kleinste Spielort der WM, wurden nach Angaben der FIFA 43.583 Karten an die Anhänger der Peruanischen Nationalmannschaft verkauft. Die für großartige Stimmung sorgten.

«Me voy a Russia» — ab nach Russland, nennt Perus Sportzeitung Libero eine Serie, in der Fans von ihren «Opfern» erzählen, um die Blanquirroja bei ihrer Rückkehr auf die größte Bühne des Fußball zu unterstützen. Da verkauft einer schon mal sein Apartment für 170.000 US-Dollar bar auf die Hand an den erstbesten Interessenten.

Man sollte sich trotzdem nichts vormachen: Dieses Fußballfest ist so nur möglich, weil es nicht politisch ist. Und doch wirft gerade die Weltmeisterschaft ein Schlaglicht auf tief wurzelnde Missstände, die eine durchgreifende Modernisierung Russlands verhindern.

Das Trauerspiel um den viel zu teuren Bau der zwölf WM-Stadien illustriert dies bestens. Die meisten Anlagen mussten neu errichtet werden, die übrigen durchliefen aufwendige Umbauten. Eine ökonomische Rechtfertigung dieser Investitionen – leider ein wiederkehrendes WM-Problem – ist nicht erkennbar. Allein der Bau des Zenit-Stadions in Präsident Putins Heimatstadt St. Petersburg verschlang rund eine Milliarde US-Dollar.

Internationale NGOs wie Amnesty International oder Human Rights Watch machen zwar während der WM auf die Probleme in Russland aufmerksam, doch die russische Regierung stellt sich taub. Zu hoffen bleibt nur, dass dieser freundliche kleine Ausnahmezustand womöglich bei manchen Russen ein paar Fragen aufwerfen wird. Vielleicht werden dadurch mehr Menschen in diesem großen Land die Politik Putins anzweifeln und weniger Menschen den Berichten der staatlich kontrollierten Medien glauben schenken, in denen es so oft heißt der Westen sei durchgehend russophob. Das wäre jedenfalls ein guter Anfang, oder etwa nicht?

 

  Die Veröffentlichung ist kein Leitartikel. Es spiegelt ausschließlich den Standpunkt und die Argumentation des Autors wider. Die Publikation wird in der Präsentation vorgestellt. Beginnen Sie in der vorherigen Ausgabe. Das Original ist verfügbar unter: freitag.de

 

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