H.Kapfer. der Beginn der Weimarer Republik

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* Der verlorene Krieg, das Selbstbild der Deutschen und der Beginn der Weimarer Republik: Herbert Kapfers dokumentarische Collage “1919“..

Von Ulrich Rüdenauer

Was die Historiografie mitunter übersieht, das Unbewusste geschichtlicher Prozesse, das Unheimliche und Ungreifbare, lässt sich in der Literatur entdecken – als Chronik der Gefühle. In Romanen, Erzählungen, Gedichten überdauern die gesellschaftlichen Stimmungen und Seelenlagen, die vom Strom historischer Ereignisse hervorgeschwemmt und mitgerissen werden. Das gilt nicht nur für die Höhenkammtexte der jeweiligen Epoche, sondern auch und manchmal sogar mehr noch für das Triviale.

Herbert Kapfer hat einen experimentellen Roman über die chaotische Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg verfasst, ohne eine einzige Zeile selbst geschrieben zu haben. Das Buch ist eine Collage aus Aufsätzen, Fotografien, Dokumenten, vornehmlich aber aus zeitgenössischen literarischen Texten, die als Reflex auf die Revolutionsereignisse 1918/19 erschienen sind oder von diesen Tagen handeln – Zeugnisse von Soldaten, kaisertreuen Offizieren, Arbeitern, Schriftstellern.

“Nach Ostland wollen wir reiten! Vorwärts in das fruchtbare Land in Kurland und an der Düna!”

Nur einige Texte sind auch heute noch bekannt, etwa Ernst Tollers “Eine Jugend in Deutschland” oder Oskar Maria Grafs “Einer gegen alle”. Auf die meisten der von Kapfer ausgewerteten Schriften hat sich im Laufe eines Jahrhunderts eine dicke Staubschicht gelegt, sie sind, wenn überhaupt, allenfalls in den abgelegeneren Magazinen von Bibliotheken zu finden. Über ihren ästhetischen Rang kann man schnell Einigkeit erzielen: Der Kanonisierung sind sie durch stilistische Grobheiten und den Hang zur Kolportage entronnen. Die Gesinnungs- und Geisteshaltung ihrer Zeit aber haben sie geradezu beängstigend genau eingefangen.

Jene Ressentiments, die nach dem verlorenen Krieg in der Gesellschaft rumorten und zum Scheitern der Weimarer Republik beitrugen, treten in ihnen ebenso zu Tage wie die Wünsche nach Veränderung oder aufständisches Pathos. Die unterschiedlichen Quellen komponiert der ehemalige Leiter der Abteilung Hörspiel und Medienkunst beim Bayerischen Rundfunk zu einem neuen Text, und durch dieses Zitaten-Sampling gelingt es Kapfer, den Leser in den Strudel jener Jahre hineinzuziehen. Der Widerstreit reaktionärer und revolutionärer, sozialdemokratischer und kommunistischer, revanchistischer und republikanischer Positionen verdichtet sich in dieser Quellenmontage, bekommt etwas Bedrängendes.

1919” ist ein Panoptikum von Stimmen, und gerade das Zersplitterte, Blitzlichthafte des Buches vermittelt einen Eindruck dieses Epochenbruchs. Eine dieser Stimmen ist die des Freikorps-Kämpfers Karl Matthias Busch, der 1936 unter dem Namen Karl Matthias Buschbecker den Roman “… wie unser Gesetz es befahl” veröffentlichte. Das pathetische Werk wurde im Dritten Reich mehrfach aufgelegt, was nicht verwundert, denn die Erzählung vom Kampf gegen die Sowjettruppen 1919 im Baltikum passte ideal zur nationalsozialistischen Ideologie vom “Lebensraum im Osten”: “Nach Ostland wollen wir reiten! Vorwärts in das fruchtbare Land in Kurland und an der Düna! Hoch die Fahne an den alten Grenzen der Deutschen Ritter! Ein Land von deutschen Bauern und Soldaten! Eine neue Heimat!”

Die alte Heimat erkannte Nathanael Jünger 1921 in seinem Roman “Volk in Gefahr” nicht mehr wieder. Jünger, im bürgerlichen Leben unter dem Namen Johann Rump evangelischer Geistlicher, hat dem Genre des deutschnationalen antisemitischen Romans ein paar ziemlich ekelhafte Werke hinzugefügt.

In “Volk in Gefahr” gibt es einen Hauptmann Mandelsloh, todunglücklich ob des schmachvollen Zustands seines Vaterlandes. Er flüchtet sich zu Goethe und Fichte. Im Judentum erkennt er die Wurzel allen Elends. Sein Sohnemann Gerhard, aus englischer Kriegsgefangenschaft ausgebüxt, teilt die Ansichten seines Erzeugers. Auf seinem Rückweg in heimatliche Gefilde kommt er durch Berlin: “Hanebüchen, sage ich euch! Juden und Judengenossen. Um sie herum aber Volksversammlungen, Straßenaufläufe. Wo geputscht wird, steckt ein Jude dahinter und jüdisches Geld. Ganz Berlin macht ja den Eindruck, Neu-Jerusalem zu sein.”

Nicht alle patriotischen Eltern konnten ihre tapferen Söhne wieder in die Arme schließen. “Am 8. Januar starb den Heldentod auf dem Rückmarsche des Regiments aus der Ukraine von feigen Bolschewisten überfallen unser lieber, braver Sohn, Bruder und Enkel Max Freiherr von Lerchenfeld Leutnant I. Bayr. Ulanen Regiments Ord. Offizier 4. Kav. Brig. im Alter von 23 Jahren”, heißt es in einer Anzeige der Zeitschrift Bücherwurm, die der Konservativen Revolution nahestand.

“Mit Begeisterung hat er 4 ½ Jahre für sein Vaterland gekämpft, dessen selbstverschuldeter Ohnmacht er jetzt zum Opfer fiel. Wohl ihm, daß die Heimkehr ihm erspart blieb. Die Hinterbliebenen.” Die Dolchstoßlegende wurde früh zu dem Narrativ der Reaktion.

Kriegsgegnern wie dem Dadaisten Richard Huelsenbeck musste es angesichts solcher Zeilen speiübel werden. Die Sprache verschlug es ihm allerdings nicht. Dass schließlich die Sozialdemokraten selbst die deutsche Revolution zerstörten, ließ Huelsenbeck doch die Galle hochkommen. “Die größte Lüge, die man je in die Welt gesetzt hat: in Deutschland sei Revolution gewesen. (…) Eine feiste, breitärschige Verlogenheit dreht hier das Wort im Munde herum, ein infantiles Wissen um die Schlechtigkeit der Welt schafft das Katastrophale: Es werden immer Scheidemänner in diesem Volk bestimmend sein. Am Ende findet sich immer ein Dioskurenpaar, das man in Bronze gießt: Goethe-Schiller, Ebert-Scheidemann. Etwa so: Das stets Verlogene, hier wirds Ereignis, das schlau Verborgene, hier wirds getan. Noch der Bauch Eberts täuscht eine Fülle vor, die nicht vorhanden ist.”

Ein Arsenal von Wunderwaffen befreit im Roman Deutschland von seinen Unterdrückern

Während das “Volk der Richter und Henker” sich im “Glanze seines Ruhmes” streckt und Publizisten wie Huelsenbeck die vertane Revolution betrauern, weinen andere ihrem geliebten Kaiser hinterher oder erschaffen in fantastischen Romanwelten eine leuchtende Zukunft. Joseph Delmont, 1873geboren als Josef Pollak, lässt in seiner Science-Fiction-Utopie “Stadt unter dem Meere” eine Gruppe aufrechter Seeleute mit ihrer geheimen U-Boot-Flotte sich auf den Tag vorbereiten, an dem sie Deutschland mit einem Arsenal von Wunderwaffen vom Joch der Unterdrücker befreien kann.

Und es ist auch klar, was dem “Deutschen Reiche” fehlt: “Der große, der neue Mann! Der imstande war, die Deutschen zusammenzuschweißen. Ihr Nationalgefühl zu wecken. Sie zu nichts anderem als sie sein sollten: zu Deutschen zu machen. Wo bleibt der deutsche Führer?” Lange ließ er nicht auf sich warten. Wahn und Hybris sind, wie sich erweisen sollte, politisch wunderbar zu verwerten.

Die mehr als 100 Kapitel von Herbert Kapfers Buch machen in ihrer Mischung aus Desillusionierung, Überschwang und Fantastik deutlich, dass vier Jahre Krieg ganze Arbeit geleistet hatten und die Ideologie-Produktion mit dem Ende des Schlachtens keinesfalls zum Erliegen gekommen war. Eher schien sie noch einmal heiß zu laufen. Dass im Jahr 1919 schon ein Vorschein des Jahres 1945steckt, führt Kapfer mit dem einzigen Text vor, der aus seiner Reihe historischer Zeugnisse herausfällt. Ganz am Ende findet sich ein Ausschnitt aus Heiner Müllers Drama “Germania Tod in Berlin”. Er handelt von einer deutschen Familie, die in Treue zum Führer Selbstmord begeht.

Kapfers Buch ist für die Revolutionsjahre, was Uwe Nettelbecks Montageroman “Der Dolomitenkrieg” von 1979 für eine unglaubliche Episode im Ersten Weltkrieg war: ein aus Bruchstücken geformter, stringent komponierter, heldenloser Zeitroman. Wie der “Dolomitenkrieg” in eisiger Prosa den absurden Stellungskampf im Gebirge konserviert hat, so verschmilzt “1919” die hitzigen Fragmente wahnhafter Illusionen und ungenutzter Möglichkeiten nach Ende des Kriegs. Das Buch mag aber nicht zuletzt auch als Mahnung für unsere von digital-metastasierenden Verschwörungstheorien heimgesuchte Gegenwart taugen.

Die Veröffentlichung ist kein Leitartikel. Es spiegelt ausschließlich den Standpunkt und die Argumentation des Autors wider. Die Publikation wird in der Präsentation vorgestellt. Beginnen Sie in der vorherigen Ausgabe. Das Original ist verfügbar unter: sueddeutsche.de

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