HUNDEJAHRE VON UNS

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GEOMETR.IT   Literatur-Insider

* In seiner Fernsehsendung “Druckfrisch” Ende 2013 spricht Denis Scheck  mit Günter Grass über den seiner Meinung nach wichtigsten seiner Romane, “Hundejahre”, über seine verschiedenen Berufe, über die aktuelle Politik und sein Leben.

Günter Grass wurde am 16. Oktober 1927 in Danzig geboren, absolvierte nach der Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft eine Steinmetzlehre, studierte dann Grafik und Bildhauerei in Düsseldorf und Berlin. 1956 erschien der erste Gedichtband mit Zeichnungen, 1959 der erste Roman ‘Die Blechtrommel’. 1965 erhielt der Autor den Georg-Büchner-Preis, 1994 den Karel-Capek-Preis. 1999 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen und 2009 wurde er zum Ehrenpräsidenten des P.E.N. ernannt. Grass lebt in der Nähe von Lübeck.

Über den Roman «Hundejahre» : Drei Erzähler schreiben zur Jahreswende 1960/61 gleichzeitig die drei Bücher des 1963 erschienenen Romans und werden so in Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeit Chronisten der “Hundejahre” unseres Jahrhunderts; Eddi Amsel, das Opfer, Harry Liebenau, der Zeuge, und Walter Matern, der Täter. Deutsche Schäferhunde, von einer litauischen Wölfin als Urahnin bis zu Hitlers Lieblingshund, die Mädchen Tulla und Jenny und ein Reigen von Vogelscheuchen begleiten sie auf ihrer Odyssee von Danzig nach Westdeutschland, bis hinab in die Unterwelt.

Der Roman endet in einem Bergwerk, in dem der Künstler Amsel alias Brauchsel seine weltweit begehrten Vogelscheuchen industriell herstellt und so die reale Welt als Unterwelt entlarvt: Der Orkus ist oben und die Vogelscheuche ist nach dem Bilde des Menschen geschafft.

Wie der Nobelpreis, sobald wir ihn aller Feierlichkeit entkleiden, auf der Entdeckung von Dynamit fußt, das – wie andere menschliche Kopfgeburten, sei es die Spaltung der Atome, sei es wie die gleichfalls nobilierte Aufschlüsselung der Gene – das Wohl und das Wehe in die Welt gesetzt hat, so beweist die Literatur ihrerseits Sprengkraft – wenngleich die von ihr ausgelösten Explosionen verzögert, sozusagen in Zeitlupe zum Ereignis werden und die Welt verändern, gleichfalls als Wohltat und Anlass zum Wehgeschrei für das Menschengeschlecht.“ Günter Grass, 1999 in seiner Rede zur Verleihung des Literaturnobelpreises. In ihr legt er dar, was ihn sowohl als Schriftsteller als auch als öffentlichen Menschen ausmacht: Widerspruchsgeist, Sendungsbewusstsein, Lust an der Formulierung und an der Phantasie.

Der Autor als selbstbewusster Antreiber, sogar Sprengmeister des öffentlichen Lebens – Grass nimmt diese Rolle zeitlebens ernst. Nicht der Schriftsteller suche sich sein Thema, es werde ihm aufgedrängt, so erklärt er. In seinem Fall ist es der „Einbruch der Politik in die familiäre Idylle“, wie er es nennt, sprich: der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, der sein literarisches wie politisches Leben entscheidend prägt.

Günter Grass: „Der Lieblingscousin meiner Mutter, wie sie kaschubischer Herkunft, war im Freistaat Danzig Beamter der polnischen Post. Er ging bei uns ein und aus, war gern gesehener Besuch. Als bei Kriegsbeginn das Postgebäude am Heveliusplatz gegen den Ansturm der SS-Heimwehr eine zeitlang verteidigt wurde, gehörte mein Onkel zu den Kapitulierenden, die alle standrechtlich verurteilt und erschossen worden sind.“

Riss in der Familie Grass

Die gewaltsame Eingliederung Danzigs ins Deutsche Reich führt zu einem Riss in der Familie Grass. Die Kaschuben, Angehörige eines westslawischen Volksstammes, gelten nicht als „Reichsdeutsche“. Der kleinbürgerliche Vater aber, ein deutscher Protestant, ist seit 1936 Mitglied der NSDAP.

Den Schrecken der Diktatur und des Krieges, den Schrecken der gesellschaftlichen Umstände allgemein versucht der Schriftsteller Grass mit den Mitteln der Groteske zu bannen – mit einem Narren als Helden, einer komischen Figur, die aber gerade wegen ihrer skurrilen Eigenarten den Herrschenden den Spiegel vorhält und eine eigene Würde bewahrt. Ein Held also wie Oskar Matzerath, der Junge, der nicht wachsen will, Hauptfigur in Grass‘ größtem Erfolg, dem Roman „Die Blechtrommel“ von 1959. Verfilmt 1979 und ein Jahr darauf mit dem Oscar für den besten ausländischen Film ausgezeichnet. 

Oskar Matzerath: „Es war einmal ein Blechtrommler, der konnte Glas zersingen.  Es war einmal ein Blechtrommler, der hatte zwei Väter.“ -Mutter: „Willst du nicht etwas essen, bevor du gehst?“ Vater: „Keine Zeit. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Heil Hitler.“

Oskar Matzerath trommelt sich mit seinem Blechspielzeug in den polnischen Nationalfarben weiß und rot durch Kindheit und Jugend, durch Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg und weiß nicht, ob der slawische Vetter seiner Mutter oder der Reichsdeutsche Alfred Matzerath sein Vater ist. Eine Parabel auf Danzig, auf die Verführbarkeit der Menschen und die Heuchelei der Erwachsenen.

Seine im Wortsinn „Grenz“ – Erlebnisse im Dritten Reich hätten ihn zum Schriftsteller gemacht, so Grass mehr als ein halbes Jahrhundert später im Deutschlandfunk: „Wir sind in Zeiten des Nationalsozialismus, also in der Hitlerjugend, im Jungvolk, sicher mit Begeisterung gewesen. Bei dem einen oder anderen flaute das später ab, diese dauernden Dienstabende, aber es war, von dieser Jugendorganisation ging eine große Verführungskraft aus, der die meisten nachgegeben haben.

Ich ganz gewiss. Und die dann in der Nachkriegszeit bekannt gewordenen Verbrechen – es werden immer neue kommen, das hört ja bis heute nicht auf – sind eine nachträgliche Belastung und sind allein schon deshalb zwingend. Für mein Schreiben war es dann so, dass ich nach anfänglichen artistischen Versuchen, wo ich meine Möglichkeiten ausprobierte in der bildenden Kunst als Bildhauer, als Grafiker und auch beim Schreiben nach einer gewissen Zeit merkte, so ab Mitte der 1950er-Jahre, dass ich meinem eigentlichen Thema nicht ausweichen konnte. Und so sind diese ersten drei Prosabücher entstanden, „Die Blechtrommel“, „Katz und Maus“ und „Hundejahre“. Und das Thema Danzig und auch Gdansk hat mich nie losgelassen.“

Deutsche Vergangenheit nicht verdrängen

Mit seiner sogenannten Danziger Trilogie stemmt sich der junge Günter Grass, Jahrgang 1927, sowohl politisch als auch künstlerisch gegen den Trend der Zeit. Weder will er hinnehmen, dass die deutsche Vergangenheit verdrängt wird noch dass der klassische Roman, dem man in den 1950er-Jahren schon das Aus prophezeit, keine Berechtigung mehr habe. Auch seine erotischen Schilderungen widersprechen dem Zeitgeist der Adenauer-Ära: Als ihm 1959 eine unabhängige Jury für die „Blechtrommel“ den Bremer Literaturpreis zuspricht, weigert sich der Senat, den Preis zu verleihen.

Die Schriftstellerei ist nicht das einzige künstlerische Feld, auf dem sich Günter Grass bewegt. Nach seiner Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft lässt er sich, nach einem Zwischenspiel als Hilfsarbeiter in einem Kalibergwerk, in Düsseldorf zum Steinmetz ausbilden. Anschließend studiert er Grafik und Bildhauerei. Parallel dazu schreibt er Gedichte und Theaterstücke und schließt sich der „Gruppe 47“ an. Dieser lose Zusammenschluss aus Schriftstellern und Kritikern hat zum Ziel, die deutsche Literatur zu erneuern und die Demokratisierung der Gesellschaft zu fördern.

Der Künstler Grass ist auch ein politischer Mensch. Seine Politisierung fand im Kalibergwerk statt, einem Mikrokosmos der deutschen Gesellschaft. Grass: „Dann kamen die Bergleute aus den Förderschächten zusammen und diskutierten da bei Karbidlicht und gerieten in Streit. Und es zeigte sich, dass diese 30, 40 Leutchen, die da zusammen waren, also aus Kommunisten, Sozialdemokraten und Nazis bestanden. Und im Verlauf dieser Streitereien bekam ich eigentlich ein Bild der Weimarer Republik der Spätphase geliefert.

Sah, wie sich die Nazis mit den Kommunisten gegen die Sozialdemokraten verbündeten. Und ich hatte das Glück, einen Lokführer… Ich war Koppeljunge, und wir mussten uns mit diesen Zügen das Kalisalz auf der Fördersole bewegen. Der war älter und war Sozi. Und der hat mir so einige Dinge erklärt und mich auch nach Hannover mitgenommen am Sonntag. Und da hab ich Kurt Schumacher sprechen hören in diesem völlig zerbombten Hannover. Und das war eindrücklich.“

YOUTUBE: Günter Grass  über Bücher, Politik und das Leben

   Die Veröffentlichung ist kein Leitartikel. Es spiegelt ausschließlich den Standpunkt und die Argumentation des Autors wider. Die Publikation wird in der Präsentation vorgestellt. Beginnen Sie in der vorherigen Ausgabe. Das Original ist verfügbar unter: Literatur-Insider

GEOMETR.IT

4 Comments

  1. Günter Grass hat nie einen Bogen um Podien gemacht; und er machte nie einen Hehl daraus, zu allen weltpolitischen Ereignissen etwas sagen zu können. Er liebte die Polemik.

  2. Grass war vielleicht kein politischer Autor; aber ein Schriftsteller, der sich auch auf Kosten des Werks in die Politik hineinbegab.

  3. Ganz zu schweigen von Götter und Götzenlegenden sowie abenteuerlichen Schiffsreisen, die erzählend weitergereicht, abgeschliffen, ergänzt, variiert, ins Gegenteil verkehrt wurden und schließlich von einem Erzähler, der Homer geheißen haben soll, oder von einem Erzählerkollektiv – was die Bibel betrifft – aufgeschrieben worden sind. Seitdem gibt es die Literatur. In China, Persien, Indien, auf dem peruanischen Hochland und andernorts, wo überall Schrift entstand, sind es Erzähler gewesen, die sich als Literaten vereinzelt oder im Kollektiv einen Namen gemacht haben oder anonym geblieben sind.

  4. Wie oft auch aus diesem oder jenem Interesse der Schlußstrich gefordert, die Rückkehr zur Normalität eingeklagt wurde und die schändliche Vergangenheit als Historie abgelegt werden sollte, die Literatur widersetzte sich diesem so verständlichen wie törichten Verlangen. Zu Recht! Denn jedesmal, wenn in Deutschland die Stunde Null verkündigt, das Ende der Nachkriegszeit ausgerufen worden ist – zuletzt vor zehn Jahren, als die Mauer gefallen war und Deutschlands Einheit auf dem Papier stand –, hat uns die Vergangenheit wieder eingeholt.

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