Paris. Berlin. Moskau?

in Brexit 2019 · DE · Europe 2019 · Germany 2019 · Politics 2019 · Skepticism 2019 69 views / 10 comments
          
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Europe

GEOMETR.IT  ostpol.de

*Ich glaube, daß Zukunft nur dann möglich sein wird, wenn wir lernen, auf Dinge, die machbar wären, zu verzichten, weil wir sie nicht brauchen.“  Günter Grass

Der Traum vom vereinten Europa: Deutschland zwischen Paris und Moskau

Vor 30 Jahren fiel die Berliner Mauer und damit auch die alte Weltordnung. Kaum zwei Jahre überlebte die Sowjetunion dieses Ereignis noch. Trotz Gorbatschows Vision vom gemeinsamen „Haus Europa“ scheint es heute, als würden Russland und die EU auf verschiedenen Seiten stehen.

In unserer 3-teiligen Serie berichten polnische, ukrainische und deutsche AutorInnen davon, wie sich in ihren Ländern die Haltung gegenüber der EU und Russland seit 1989 verändert hat. Teil 3: Die deutsche Perspektive.

Paris! Meine Mutter träumte von Paris. Schon in ihrer Kindheit in der Sowjetunion war Paris für sie und ihre Freunde das Synonym für ein fernes, unerreichbares Paradies gewesen, für Eleganz, Lebensfreude, schöne Namen wie Natalie…Ende der 1960er Jahre heiratete meine Mutter in Moskau einen Studenten aus der DDR und kurz darauf zogen sie nach Magdeburg, wo ihre Töchter zur Welt kamen. 

Nach dem Fall der Mauer konnte ich endlich Paris sehen, auch Straßburg, London, Lissabon, Rom, Luxemburg und Amsterdam. Helmstedt, meine erste Stadt im Westen, in der wir unser „Begrüßungsgeld“ abholten, fand ich furchtbar langweilig. Das europäische Ausland dagegen war und blieb verlockend und faszinierend. Ich empfinde es noch immer als großes Glück, dass ich mich frei in Europa bewegen darf.

Die Europäische Union ist für mich nicht nur ein Versprechen auf Reisefreiheit, sondern auch auf Frieden. Meine Mutter heiratete meinen Vater, obwohl sie Angst vor den Deutschen hatte, die vielleicht ihre Eltern kurz vor Kriegsende umgebracht haben. Als die thüringische Kleinstadt Saalfeld brannte, lag mein Vater unter feuchten Tüchern in seinem Kinderwagen. Und ich erinnere mich noch an das grelle Licht der Bombe in meinen Alpträumen, die aus dem Kalten Krieg auf unser Plattenbaugebiet zielte. Heute reden meine Kinder hin und wieder darüber, dass sie eines Tages in Tel Aviv, Venedig oder London leben könnten.

Vor einiger Zeit ist hierzulande das Wort „Dexit“ aufgetaucht. Mehr noch als „Brexit“ oder „Frexit“ klingt es für mich nach einer giftigen Chemikalie. Warum sind so viele Europäer der Europäischen Union überdrüssig?

  • Oft heißt es, die EU sei ein bürokratisches, undurchsichtiges Konstrukt zur Machtsicherung einiger mächtiger Staaten, vor allem Deutschlands.
  • Deutschland würde schwächere europäische Länder bevormunden, so ein vielleicht berechtigter Vorwurf.
  • Also muss die Europäische Union transparenter gestaltet und stärker im Leben der Menschen verankert werden. Sie darf kein reines Elitethema sein. Wie viele prominent besetzte Konferenzen, wie viele Bücher widmeten sich schon der Forderung des ehemaligen EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors, „Europa eine Seele zu geben“! Europa hat unzählige Seelen, Geschichten, Gesichter, und die würde ich gern im Zentrum der Politik und der Bildung sehen. Wir Europäer haben nicht zu viel, wir haben viel zu wenig über Europa nachgedacht und gestritten. Wenn wir es jetzt nicht tun, werden wir schon bald auf neue Mauern stoßen.

Paris ist für viele Menschen außerhalb Europas das Paradies. Genau wie Berlin, Amsterdam, Stockholm. Das dramatische Bild der „Flüchtlingswelle“ und die egoistische Abschottungspolitik vieler europäischer Länder machen mich fassungslos. Ist es naiv zu glauben, dass die Europäische Union in der Lage wäre, Zuwanderern ein Leben in Würde zu ermöglichen? Dass sie es aber noch nicht gelernt hat, vernünftig und offen über Zuwanderung zu streiten? Dass sie noch weit entfernt von einer Realisierung des europäischen Traums ist? Für den es, so glaube ich, bis dato keine gute Alternative gibt.

Deutschland und Russland

von Dirk Anger

Nein, man musste Ende der 80er-Jahre gar nicht zu den ganz wenigen im Westen des von Mauer und Stacheldraht geteilten Deutschlands gehören, die Russisch sprachen, um die Schlüsselworte zu verstehen: Glasnost und Perestroika gehörten vor drei Jahrzehnten so selbstverständlich zum kollektiven Sprachschatz der Deutschen wie Wodka oder „Good Morning“ aus dem Anfängerkurs Englisch. Offenheit und Umgestaltung auf Russisch waren plötzlich in aller Munde.

  • Die vom damaligen Generalsekretär der sowjetischen Kommunistischen Partei, Michail Gorbatschow, eingeleiteten Reformbemühungen erfassten nicht nur das wirtschaftlich am Boden liegende Riesenreich.
  • Das politische Tauwetter öffnete außerdem unerwartet ein Fenster, das mit dem „Wind of Change“ der friedlichen Revolution im Osten Deutschlands den nötigen Rückenwind gab. Und die Rockballade quasi nebenbei zur Hymne der Wende in Deutschland und anderen östlichen Staaten werden ließ.
  • Gorbatschow wirkte nicht wie frühere Apparatschiks, sondern trug die Züge eines volksverbundenen Reformers. In Deutschland wurde ihm so viel Dankbarkeit und Anerkennung zuteil wie wohl keinem russischen Politiker zuvor. Eine gewisse Euphorie griff um sich – nicht nur bei den Münsteraner Schülern des Abiturjahrgangs 1989. 

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs entstand zunächst der Eindruck, dass der russische Riese wirklich eine Brücke nach Europa bauen wollte. Vielleicht war es auch nur Erleichterung, dass das Ende der Nachkriegs-Weltordnung nahe war und eine neue Weltordnungmehr Freiheit bringen würde.

  • 30 Jahre später hängen noch immer nicht wenige Deutsche dieser Sehnsucht oder Hoffnung an.
  • Teils aus verblendeter Ideologie in der extremen Linken, hauptsächlich aktuell aber wohl eher ob der Tatsache, dass Putin für viele Deutsche – ungeachtet seiner autoritären Staatsführung – wenigstens nach außen Stabilität vermittelt.
  • Anders als ein aufgebrachter, kaum einzuschätzender US-Präsident namens Donald Trump, der sich als das genaue Gegenteil präsentiert.

Und weil die Deutschen offensichtlich und nicht nur bei Fragen der Politik eine tiefe Sehnsucht nach Stabilität verspüren und eine gewisse Faszination für Machtmenschen empfinden, schauen sie über vieles hinweg, was der Kreml Kritikwürdiges tut.

Das fällt besonders schnell auf, wenn man sich als Deutscher mit polnischen Freunden unterhält. Deren tief verwurzelte Angst vor den Russen endet nämlich zumeist in der Frage, warum man Putin in Deutschland so hoch schätze und ein ehemaliger Kanzler gar Aufsichtsrat bei einem russischen Staatskonzern sein dürfe.

In der Tat zeugen etwa die völkerrechtswidrige Annexion der Krim, die Kreml-Protektion des syrischen Diktators, und die bewusste Destabilisierung Europas von einer Politik, die die Machtstellung Russlands ausbauen und nicht nach gemeinsamen Zielen mit dem Rest des Kontinents suchen will.

Doch all das hat auf die öffentliche Meinung in Deutschland kaum einen Einfluss und hat auch nicht dazu geführt, Russland und sein Verhalten kritischer zu betrachten. Was nicht zuletzt den gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen geschuldet ist, die mit dem Bau der Gas-Pipeline North Stream 2 an strategischer Bedeutung gewonnen haben.

Und natürlich bleiben auch die Medienstrategie Moskaus und das Gazprom-Sponsoring auf Bundesliga-Fußballtrikots nicht ohne Wirkung. Zugleich weiß der deutsche Fußball-Fan aber ganz genau: Am peinlichen Ausscheiden bei der Fußball-WM 2018 in Russland tragen das Ausrichter-Land und Wladimir Putin nun mal keine Schuld.

   Die Veröffentlichung ist kein Leitartikel. Es spiegelt ausschließlich den Standpunkt und die Argumentation des Autors wider. Die Publikation wird in der Präsentation vorgestellt. Beginnen Sie in der vorherigen Ausgabe. Das Original ist verfügbar unter: ostpol.de

GEOMETR.IT

10 Comments

  1. Europa in der Krise. Man mag in diesen Monaten sarkastisch antworten wollen: Schon wieder oder immer noch? Die europäische Bilanz der letzten Jahre scheint wirklich mager zu sein: Vertrag von Lissabon formerly known als Europäische Verfassung?

  2. Friedensmacht? Nationale Sprache scheint wichtiger als gemeinsamer Auswärtiger Dienst! Handlungsfähiger Akteur zur Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise? Im nationalstaatlichen Klein-Klein weitgehend zerredet! Kein Wunder also, dass das Vertrauen in die politischen Institutionen – auf allen Ebenen – rasant schwindet.

  3. Verfassungskrise, Demokratiekrise, Finanzkrise – man schlittert mit Vollgas auf den Abgrund zu bis im letzten Moment doch noch jemand den europäischen Geist beschwört. Gut gehen wird das nicht mehr lange. Daher ist es Zeit, das
    Kind beim Namen zu nennen.

  4. Für Menschen in anderen Teilen der Welt ist dies bis heute unvorstellbar. Wenn sie in ein anderes Land reisen, heißt der Alltag Visaanträge, Geld wechseln und Grenzkontrollen.

  5. Aber die zentrale Frage haben wir für uns beantwortet: “Haben wir soviel Vertrauen in die europäischen Institutionen, dass wir uns von einem Europäischen Parlament, einer Europäischen Kommission und einem Rat regieren lassen wollen, in der die deutschen Vertreter eine Minderheit unter vielen sind

  6. Und Ja, für diese Diskussion über das Europa, das wir unseren Kindern hinterlassen wollen, braucht es einen neuen Europäischen Konvent! Mit dem Scheitern der Europäischen Verfassung ist für viele ein Zielpunkt

  7. Unsere Antwort heißt eindeutig Ja! Und glauben wir, dass dabei immer noch genügend Handlungsspielraum für nationale, regionale und lokale Politik ist, weil „Brüssel“ nicht alles vorgeben muss? Unsere Antwort heißt eindeutig Ja!

  8. Und Ja, für diese Diskussion über das Europa, das wir unseren Kindern hinterlassen wollen,braucht es einen neuen Europäischen Konvent!

  9. Denn Europa, wie wir es uns vorstellen, hat keine Scheu vor öffentlicher Diskussion um die besten Ideen und Zukunftsprojekte, und wir laden alle herzlich dazu ein.

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