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Missstände in Waisenhäusern

2 – Rumänien VS Moldawien- Paradigmen- wechsel

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Die Wahrnehmung beider Länder im europäischen Ausland ist wenig schmeichelhaft. Es sind zumeist Zerrbilder und Stereotype, die den Bewohnern in Presse, Funk und Fernsehen, aber auch bei Meinungsbefragungen zugeordnet werden. Bestimmte Fragen drängen sich förmlich auf: Wo liegen die Ursachen für die negative Außensicht, welche Mechanismen sorgen dafür, dass Vorurteile so stabil sind, und wer profitiert eigentlich vom einem Image, das anderen zugeschrieben wird?

So können auch die Paradigmenwechsel von 1990 und 2007 das ramponierte Image nicht aufbessern, trotz des Wechsels vom Homogenisierungs- zum Heterogenitäts- Paradigma. Korruptionsaffären, Umweltskandale, Missstände in Waisenhäusern, Kriminalität oder Wahlfälschungen füllen die Schlagzeilen und blenden das vielfältige Alltagsleben, den wirtschaftlichen Aufbau, den Fortschritt beim Umbau der Gesellschaft, das friedliche Miteinander der 20 Ethnien und die EU-Europäisierung des Landes aus.

Das kleine Moldawien (Nordrhein-Westfalen ist größer) ging einen eigenen Weg. Die wichtigsten Stationen seines Entwicklungspfades seien kurz vorgestellt:

1812: im Frieden von Bukarest fällt das Land an den russischen Zaren

1917: Autonomie (Moldauische Demokratische Republik)

1918: Vereinigung mit Rumänien

1940: Ausrufung der Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik

1941: rumänische Besetzung

1944: Wiedereingliederung in die UdSSR

1991: Unabhängigkeit der Republik Moldau (Moldova/Moldawien)

1992: Eigenstaatlichkeit für Transnistrien (Transnistrische Moldauische Republik)

1995: Sonderstatus für die gagausischen Gebiete Moldawiens

Die Diskontinuitäten und Zäsuren sind in dem Land zwischen Pruth und Dnjestr noch ausgeprägter als in Rumänien. Auch nach dem Ende der Sowjetunion gelang es nicht, dem langen Schatten der Vergangenheit zu entkommen (GRIMM 2001). Das Land ist politisch gespalten, die Widersprüche in der Gesellschaft verschärfen sich; man erhofft Stabilität durch Annäherung an die EU und ein besseres Verhältnis zu Russland (USUN 2008, S. 9)

Die Bewohner des agrarisch geprägten Landes sehen sich auf der Suche nach Arbeit mit großen Problemen konfrontiert: In Richtung Osten (Ukraïne, Russland) gibt es nur begrenzte Perspektiven, in Richtung Westen steht man vor den Toren der EU. Die Arbeitsmigration, die zu beträchtlichen Teilen von Frauen in Pflegeberufen getragen wird, lindert mit ihren Rimessen

(SCHIKIRLISKAJA 2008, S. 51) die wirtschaftliche Not in den Dörfern nur begrenzt.

Die Hauptstadt Chisinău bildet das Einfallstor für ausländische Investitionen. Die sechsspurige Hauptstraße und Flaniermeile (Bulevardul Stefan cel Mare) ist das Aushängeschild der Stadt – doch den hochwertigen Einzelhandel und die Filialen weltbekannter Labels findet man hier nur vereinzelt.

Trotz der Dominanz von ambulanten Händlern und großen Märkten (Bazaren) mit billigen Massenwaren kommt an den symbolischen Orten (Parlament, Triumphbogen, Kathedrale, Opernhaus u.a.) hauptstädtischer Glanz zum Vorschein. Er geht jedoch in den randstädtischen Großwohngebieten rasch wieder unter.

Die Wahrnehmung des Landes in der EU ist so gering, die Unkenntnis ist so groß, dass nicht einmal Klischees verbreitet sind. Moldawien befindet sich aus EUeuropäischer Perspektive an der äußersten Peripherie. 

3 Perspektiven 

In der Bilanz findet die generelle Erkenntnis (BLUME, LIENAU 2011), dass die facettenreiche Vielfalt von den verbreiteten Verkürzungen und Zerrbildern nicht erfasst wird, eine Bestätigung. Es erstaunt jedoch

(1.), dass im Falle Rumäniens auch die EUIntegration keine hinreichende Kraft entfaltet, um die fehlerhafte Sicht zu thematisieren und Defizite auszuräumen. Wenn wie im Falle Frankreichs (s.o.) rassistische Einschätzungen lanciert werden, gewinnt man den Eindruck, dass sich die Spirale von Unkenntnis, Ignoranz und Ablehnung weiter dreht.

Es drängt sich zudem (2.) der Eindruck auf, dass Stereotype jeder Zeit aktiviert werden können und dass sie für politische Interessen missbraucht werden.

Dagegen bleibt (3.) die kulturelle Vielfalt, die aus den Überlagerungen im sprachlichen, ethnischen, historischen, kulturellen und religiösen Bereich resultiert, im Schatten; sie wird nicht als touristisches Highlight gesehen (JORDAN 1999).

Daher verwundert es  nicht, dass die Heterogenität und Vielfalt beider Länder nicht thematisiert und nicht wahrgenommen werden. Es erscheint unter diesem Aspekt nur konsequent, wenn sich große Reiseveranstalter aus Rumänien Schritt für Schritt zurückziehen – Moldawien ist nur über Spezialanbieter erreichbar.

Für den Geographieunterricht  bekommt dieses Themenfeld eine besondere Bedeutung, weil über Stereotype das Schülerinteresse für oder gegen bestimmte Regionen gesteuert wird, wie HEMMER, M. (2000, 2010) empirisch nachweisen konnte. Das auch in anderen Ländern festgestellte geringe Interesse von Schülern an Regionen der ehemaligen Zweiten Welt (HEMMER, I. 2010) erschwert die unterrichtliche Behandlung erheblich. Es verlangt von den Lehrenden besonderes Engagement und besondere Kenntnisse, um wenig interessierende Themen in den Horizont der Adressaten zu rücken.

Diesem Zweck können (6.) geographische Exkursionen im Rahmen des Studiums dienen, wenn es gelingt, sich auf das Land und seine Bewohner einzulassen.

Die Professoren des Instituts für Geographie der Justus-Liebig-Universität (Hrsg.) Gießener Geographische Manuskripte, Band 3

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1 – Rumänien VS Moldawien- Paradigmen- wechsel

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Die Wahrnehmung beider Länder im europäischen Ausland ist wenig schmeichelhaft. Es sind zumeist Zerrbilder und Stereotype, die den Bewohnern in Presse, Funk und Fernsehen, aber auch bei Meinungsbefragungen zugeordnet werden. Bestimmte Fragen drängen sich förmlich auf: Wo liegen die Ursachen für die negative Außensicht, welche Mechanismen sorgen dafür, dass Vorurteile so stabil sind, und wer profitiert eigentlich vom einem Image, das anderen zugeschrieben wird?

Bereits der oberflächliche Blick über die letzten Jahrzehnte macht die begrenzte, selektive, einseitige Wahrnehmung beider Länder und seiner Bewohner sichtbar. Rumänien und Moldawien lagen bis 1990 jenseits des Eisernen Vorhangs. Wirtschaftlich, politisch, sozial waren beide Länder der Zweiten Welt, den sozialistischen Staaten, zugeordnet.

Moldawien gar bildete bis 1990 eine Teilrepublik der Sowjetunion und war damit Beobachtern aus der Bundesrepublik Deutschland nur schwer zugänglich. Doch diese ersten Überlegungen greifen nicht tief genug.

1 Images als Konstrukte

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  • Tatsächlich ist es nicht nur die Tagespresse, die mit negativen bis vernichtenden Beurteilungen die Rumänen bei einem Ranking (Abb. 1) schlecht abschneiden lässt. Geringes Ansehen des Landes, mangelhafte Zukunftsorientierung und ein allgemein kommuniziertes Korruptionsproblem stigmatisieren das Land und seine Bewohner.
  • Auch die hoch bewertete politische Stabilität kann hier nicht helfen; sie lässt sich leicht als (2004) noch nicht überwundene politische Erbschaft des Sozialismus interpretieren. Ebenso problematisch ist die mehrheitliche Einschätzung als schönes Urlaubsland, die zu den großen Umweltproblemen im Widerspruch steht.
  • Die Bewertungen sind also mehrdeutig und keineswegs widerspruchsfrei. Abb.1: Rumänien aus deutscher Perspektive (aus: BIRTEL, KISSAU 2006, S. 149) Die Ursachen für die negative Fremdeinschätzung liegen nur teilweise in der verbreiteten Unkenntnis.
  • Ohne Frage gibt es diese und auch ihr Anteil zum Aufbau einer ablehnenden und ignoranten Einstellung ist nicht umstritten (SCHLIMME 2003), doch es kommen weitere Aspekte hinzu.
  • Images sind Konstrukte, die gemacht und zugeschrieben werden. Sie dienen der Abgrenzung, sie schaffen (vermeintliche) Klarheit in unübersichtlichen Situationen und ersetzen fehlende Kenntnisse. Nach 45 jähriger Abschottung durch den Eisernen Vorhang war die verbreitete Unkenntnis der sozialistischen Länder der ideale Nährboden für die Entstehung bzw. Reaktivierung von Stereotypen.

Die ab 1990 einsetzende und besonders anfänglich überschätzte Arbeitsmigration in die Länder der EU (FASSMANN 1997, 2004) tat ein Übriges, um bestehende Klischees über Rumänien zu perpetuieren. In Presseberichten wurden die hohe Kriminalität von Auslands- sowie die Korruption und Verwahrlosung bei Inlandsrumänen regelmäßig thematisiert. Die Kampagne des französischen Ministerpräsidenten gegen rumänische Roma in Frankreich (Juli/August 2010) ist nur ein besonders spektakulärer Akt bei derartigen Inszenierungen.

Der Weg führt von der Unkenntnis und Pauschalisierung direkt zur Ablehnung. Stereotype, die bereits existieren, werden aufgegriffen und zielgerichtet gegen soziale Gruppen eingesetzt; sie werden instrumentalisiert. Images sind Zuschreibungen von komplexen Eigenschaften oder Verhaltensweisen, sie fassen undifferenziert zusammen und bieten für Individualität, Differenzen oder Heterogenität keinen Raum.

Moldawien und seine Bewohner werden bei diesen Prozessen vordergründig ausgespart. Das kleine Land wird in den Massenmedien kaum wahrgenommen. Es gehört nicht zur Europäischen Union, sondern zu den GUS-Staaten; es ist in der Berichterstattung nahezu in Vergessenheit geraten.

2 Entwicklungspfade

Die Ausgrenzung und Stigmatisierung haben eine Vorgeschichte. Wie andere Länder Südosteuropas waren auch Rumänien und Moldawien in den letzten Jahrhunderten politischen Zentren unterstellt, für die der Balkan- und Karpatenraum ein Expansionsgebiet darstellte.

Das Osmanische Reich steht für den Einfluss Konstantinopels und die Ausbreitung der Muslime, das russische Zarenreich verstand sich über die Jahrhunderte als Beschützer und Förderer der Orthodoxie, die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn (k.u.k., d.h. kaiserlich [Wien] und königlich [Budapest]) protegierte die Mitglieder der Westkirchen (Katholiken, Protestanten). Regional verlief die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung sehr unterschiedlich.

Um 1550 gehörte Südosteuropa komplett zum multiethnischen Osmanischen Reich (KETTERMANN 2001, S. 100-106). Die Fürstentümer Moldau, Walachei und Siebenbürgen waren mit Vasallenstatus der Hohen Pforte in Istanbul untergeordnet.

Mit dem Wiederaufstieg von Österreich und Russland zog sich das Osmanische Reich zurück, 1806 markierten die Karpaten die Grenze zwischen Österreich und den russisch besetzten Regionen Moldau und Walachei, die nach wie vor formal der osmanischen Oberhoheit unterstanden (vgl. Abb. 2).

Die unterschiedlichen Paradigmata (ungarisch/osmanisch/russisch) blieben im 19. Jh. bestehen, denn der 1878 unabhängig gewordene Nationalstaat Rumänien umfasste lediglich die Walachei, die Dobrudscha und die Moldau westlich des Pruth. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen Siebenbürgen, Teile des Banats, die nördliche Bukowina, die südliche Dobrudscha und Bessarabien (zwischen Pruth und Dnjestr) dazu. Von nun an verlief die Entwicklung im heutigen Rumänien unter einheitlichen Vorzeichen.

Die alten Grenzen waren zwar überwunden, doch an die Stelle der (vorwiegend) multiethnischen Konzepte der Zentren in Wien, St. Petersburg und Istanbul trat der nationale Ansatz (Homogenitätsparadigma). Die alten Zäsuren wurden durch neue Grenzen entlang anderer Leitlinien ersetzt: Sprache, Ethnie, Geschichte, Kultur, Religion.

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Für Siebenbürgen war das historische Erbe besonders fatal; der Magyarisierung der Rumänen folgte ab 1918 eine Rumänisierung der Ungarn, die bis heute nicht vergessen ist (FEISCHMIDT 2003). Die Antagonismen wurden nur ausgetauscht, nicht überwunden. Über Nacht entstanden Minderheiten, weil Grenzen neu gezogen wurden.

Das rumänische Paradigma transformierte und verdrängte die früheren Leitbilder. Die neue nationale Identität distanzierte sich von externen Einflüssen, v.a. aus dem westlichen und mittleren Europa. Titu Maiorescu (1840-1917) drückte die Ablehnung der kulturellen Dominanz Westeuropas mit der Formel forme fără fond (Formen ohne Gehalt) aus.

Als Zeichen der neuen Zeit wurde die romanitas, die Verbindung zu den romanisch sprechenden Ländern, betont. Seit Beginn des 20. Jh. wurden Statuen mit unmissverständlicher Symbolik errichtet: die kapitolinische Wölfin (Bukarest, Constanţa, Cluj, Chişinău [MD] u.a.).

Die drei nächsten Transformationen folgen in kurzem Abstand: das sozialistische

Paradigma (1947), das Transformationsparadigma (1990) und das europäische Paradigma(2007; EU-Beitritt). Mit den wiederholten Brüchen oder Transformationen allein in den letzten 100 Jahren kann sich keine kontinuierliche Entwicklung einstellen. Immer wieder verändern sich die Grundpositionen in Gesellschaft und Politik. Diskontinuitäten bestimmen die Entwicklung; gegensätzliche Konzepte lösen einander ab, das Vertrauen in staatliche Institutionen und in die Gesellschaft schwindet. Die Außenwahrnehmung macht den Balkan- und Karpatenraum zum Pulverfass, in das keine Ruhe einziehe.

Stereotype und Klischees finden idealen Nährboden. So können auch die Paradigmenwechsel von 1990 und 2007 das ramponierte Image nicht aufbessern, trotz des Wechsels vom Homogenisierungs- zum HeterogenitätsParadigma. Korruptionsaffären, Umweltskandale, Missstände in Waisenhäusern, Kriminalität oder Wahlfälschungen füllen die Schlagzeilen und blenden das vielfältige Alltagsleben, den wirtschaftlichen Aufbau, den Fortschritt beim Umbau der Gesellschaft, das friedliche Miteinander der 20 Ethnien und die EU-Europäisierung des Landes aus.

Die Professoren des Instituts für Geographie der Justus-Liebig-Universität (Hrsg.) Gießener Geographische Manuskripte, Band 3

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