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Zäsur

Diese «Urkatastrophe» der Vergangenheit

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ITALY. Venice. Carnival. 1990.

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* Deutschland hat den Ersten Weltkrieg verloren und musste einen Friedensvertrag unterzeichnen, der indirekt zu einem weiteren Weltkrieg geführt hat.

Der Erste Weltkrieg ist die Zäsur des beginnenden 20. Jahrhunderts: Er zerstörte alle naiven Fortschrittshoffnungen und offenbarte die Zerstörungspotentiale der industriellen Moderne. Diese “Urkatastrophe” (George F. Kennan) des 20. Jahrhunderts erfasste alle Bereiche von Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur – und prägte den weiteren Verlauf der neueren Geschichte maßgeblich. Die europäische Landkarte wurde umgestaltet, die regierenden Monarchien in Rußland, Österreich-Ungarn und Deutschland wurden revolutionär umgestürzt, die sozialen Verhältnisse und kulturellen Orientierungen wandelten sich grundlegend.

Durch den amerikanischen Kriegseintritt 1917 und die russische Revolution zeichnete sich schon früh auch die Systemkonkurrenz ab, die die Blockkonfrontation der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausmachte. Im Zentrum des “Zweiten Dreißigjährigen Krieges” in Europa während der ersten Hälfte des Jahrhunderts stand das Deutsche Reich.

Es hatte die Auslösung des Ersten Weltkriegs wesentlich mitzuverantworten, vermochte die Kriegsniederlage nicht zu verarbeiten und unternahm nach der NS-Machtergreifung schließlich den radikalisierten Versuch, die Niederlage zu revidieren und die Vorherrschaft in Europa zu erobern. Dabei stützte es sich auf seine Lehren aus dem Ersten Weltkrieg, auf den “totalen Staat”, die “totale Mobilmachung” und den “totalen Krieg».

Deutschland war nicht auf einen lange andauernden industriellen Abnutzungskrieg vorbereitet.

Schon zu Beginn des Ersten Weltkrieges kam es daher zu einer massiven Umstellungskrise der deutschen Wirtschaft. Trotz der Einberufung von Millionen Männern zum Militär wuchs die Arbeitslosigkeit rasch an. Darauf folgte eine starke Kriegskonjunktur, bedingt durch staatliche Aufträge an die Rüstungsindustrie. Gleichzeitig machte sich ein gravierender Arbeitskräftemangel bemerkbar, der starke gesellschaftliche und soziale Veränderungen mit sich brachte.

Zwar wurde die deutsche Zivilgesellschaft im Ersten Weltkrieg nur in geringem Maße – durch Bombenangriffe in grenznahen Gebieten – unmittelbar durch Kampfhandlungen betroffen. Trotzdem übte der zunehmend totale Krieg beträchtliche Einflüsse auf Wirtschaft und Gesellschaft an der sogenannten Heimatfront aus.

Die Wirtschaft wurde immer rigoroser auf Kriegsproduktion umgestellt, Frauen spielten eine wachsende Rolle im öffentlichen Leben. Die Menschen begannen Entbehrungen und materielle Not zu erleiden, und in der Gesellschaft bildeten sich immer deutlicher klassengesellschaftliche Gegensätze und soziale Protestpotentiale aus, die bald auch kriegsgegnerische Ausprägungen gewannen.

Arbeitskräftemangel und Arbeitszwang

Bei Kriegsbeginn war es anfangs zu einer massiven Umstellungskrise der deutschen Wirtschaft mit einer trotz der Einberufung von Millionen Männern zum Militär rasch wachsenden Arbeitslosigkeit gekommen. Sie wurde jedoch bald von einer starken Kriegskonjunktur in den von staatlichen Aufträgen begünstigten Rüstungsbetrieben abgelöst.

Hier machte sich nun ein gravierender Arbeitskräftemangel bemerkbar, der durch Umschichtungen aus den Friedensindustrien nur teilweise ausgeglichen werden konnte. Staat und Industrie versuchten, dieses Problem auf verschiedene Weise zu lösen:

  • Zum ersten durch die Rückstellung hochqualifizierter Industriearbeiter vom Kriegsdienst, was allerdings angesichts des wachsenden Bedarfs an Soldaten auf enge Grenzen stieß; zum zweiten durch die Heranziehung von Kriegsgefangenen, eine Praxis, die jedoch im Bereich der Kriegsproduktion völkerrechtswidrig war und oft nur mit Zwang durchgesetzt werden konnte;
  • zum dritten durch Nutzung ausländischer Arbeitskräfte, wobei vor allem gegen Zivilisten aus Polen und Belgien auch rigide Zwangsmaßnahmen angewendet wurden, die vor allem im Falle der Zwangsdeportation von gut 60.000 belgischen Arbeitern ins Reich heftige internationale Proteste auslösten;
  • zum vierten durch Versuche zur Erhöhung der Frauenarbeit, die insbesondere bei Arbeiterfrauen mit Kindern aber nur mäßig erfolgreich waren;
  • schließlich durch die Einschränkung der Freizügigkeit und andere Zwangsmaßnahmen gegen die deutsche Arbeiterschaft.

«Da die Kriegskonjunktur den begehrten Industriearbeitern gute Möglichkeiten eröffnete, durch häufigen Arbeitsplatzwechsel deutliche Gehaltserhöhungen zu erzielen, kam es in Groß-Berlin schon zum Jahreswechsel 1914/15 zu Einschränkungen der Freizügigkeit. Parallel dazu wurde allerdings auf Druck der Militärbehörden die Stellung der Gewerkschaften gegenüber den Arbeitgebern deutlich aufgewertet. Eingerichtet wurden paritätisch aus Vertretern der Gewerkschaften und der Arbeitgeber besetzte Kommissionen unter Vorsitz eines Offiziers, die über die Berechtigung zum Arbeitsplatzwechsel entschieden. Diese Organisationsform, die den Einfluss der Gewerkschaften erhöhte, sie zugleich aber auch zu einem integralen Bestandteil der Kriegswirtschaftsorganisation werden ließen, wurde bald vielfach übernommen und Ende 1916 im “Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst ” generell eingeführt.

Das Gesetz verfügte jedoch vor allem die Arbeitspflicht für alle Männer von 16 bis 60. Angeregt hatte es die 3. OHL unter den Generälen Hindenburg und Ludendorff, die einen allgemeinen Arbeitszwang für Männer und Frauen durchsetzen wollte. “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen “, lautete die Devise, unter der Hindenburg von der Regierung ein allgemeines Arbeitszwangsgesetz forderte.

Diese lehnte es allerdings aus bevölkerungs- und geschlechterpolitischen Erwägungen ab, Frauen einem allgemeinen Arbeitszwang zu unterwerfen. Und im Reichstag konnte die sogenannte Gewerkschaftsmehrheit aus SPD und Zentrum auch für Männer Ausnahmeregelungen durchsetzen, nach denen die Betriebsbindung durch das Prinzip gebrochen wurde, dass Einkommensverbesserungen einen Arbeitsplatzwechsel rechtfertigen sollten. Die so weiter steigenden Löhne in der Kriegsindustrie waren jedoch bald trotzdem nicht mehr in der Lage, die kriegsbedingte Verelendung der Arbeiterschaft aufzuhalten. Dazu trug nicht nur die Inflation bei, die von einer Finanzierung des Kriegs durch die Notenpresse angeheizt wurde, sondern auch der absolute Mangel an Lebensmitteln und Konsumgütern.

 

Die Veröffentlichung ist kein Leitartikel. Es spiegelt ausschließlich den Standpunkt und die Argumentation des Autors wider. Die Publikation wird in der Präsentation vorgestellt. Beginnen Sie in der vorherigen Ausgabe. Das Original ist verfügbar unter: MrWissen2go

 

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